: 25. November - Tag gegen Gewalt an Frauen

Gewalt und Belästigungen am Arbeitsplatz: eine kollektive Verantwortung

Stellungnahme von SGBCISL-Generalsekretärin Donatella Califano zum Tag gegen Gewalt an Frauen. Der SGBCISL legt anlässlich dieses Aktionstages 2025 eine Broschüre mit Denkanstößen, Handlungsempfehlungen und Anlaufstellen auf. 

Gewalt und Belästigungen am Arbeitsplatz haben viele Formen. Sie können offen oder subtil ausgeübt werden, körperlicher oder psychologischer Art sein, absichtlich erfolgen oder aus Stereotypen resultieren, die so tief verwurzelt sind, dass sie anfangs fast unbemerkt bleiben. Frauen sind davon besonders betroffen.

Es handelt sich um ein Phänomen, das verbreiteter ist, als dass wir es messen könnten. Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer entscheiden sich zu schweigen oder, schlimmer noch, ihren Job aufzugeben, um Belästigungen und Gewalt zu entkommen.

Die Gewerkschaft setzt auf Bewusstseinsbildung und auf konkrete Hilfe, indem Gesprächsmöglichkeiten, arbeitsrechtliche Unterstützung und unsere Beratungsstelle bei Belastungen am Arbeitsplatz geboten werden. Es gibt aber noch viel mehr zu tun.

Die erste Hürde, die es zu überwinden gilt, ist die Einsamkeit der Opfer: Oft wissen sie nicht, an wen sie sich wenden können, kennen ihre Rechte nicht und es ihnen ist nicht gleich bewusst, dass ihnen Gewalt angetan wird. Übergriffe sind nicht immer offensichtlich. Manchmal beginnen sie mit Witzen und Bemerkungen, die einige Frauen mit Unüberlegtheit oder sogar Komplimenten verwechseln, während sie für andere eine Beleidigung oder einen Angriff auf ihre Würde darstellen.

Menschen haben unterschiedliche Sensibilitäten. Dies erfordert Vor- und Rücksicht, und nicht Nachsicht gegenüber jenen, die Gewalt ausüben. Letztere spielen ihr Verhalten herunter oder sind nicht in der Lage, es als übergriffig zu erkennen. Ein erschreckendes Beispiel ist jenes der beiden Arbeitskollegen, die gewettet hatten, wer von ihnen eine Arbeitskollegin verführen könne. Als dieser „Wettbewerb“ aufgeflogen ist, haben sie sich mit dem Argument verteidigt, die Wette sei eine Form der „Wertschätzung” gegenüber der Kollegin, die als begehrenswert und unerreichbar gegolten hätte. Die Tatsache, dass sie sich nicht darauf eingelassen hätte, sei Beweis dafür. Dies ist nur eines von vielen Beispielen dafür, wie sehr unsere Gesellschaft immer noch von verzerrten Mustern durchsetzt ist, ohne zu erkennen, wie schwerwiegend deren Folgen sind.

Die Verantwortung liegt jedoch nicht nur beim Einzelnen. Sie liegt auch bei den Unternehmen. Arbeitsplätze müssen sichere Orte sein, wo eine Kultur des Respekts gelebt und nicht einfach nur gearbeitet wird.

Arbeitgeber haben die rechtliche und moralische Verpflichtung zur Vorbeugung, Bekämpfung und Sanktionierung von Belästigungen und Gewalt. Es ist wichtig, dass Unternehmen eine klare Haltung einnehmen und zeigen, dass bestimmte Verhaltensweisen nicht toleriert werden. Sie müssen einfache Verfahren zur Meldung und zur Unterstützung von Betroffenen gewährleisten. Sie müssen Opfer unterstützen und gegen unangemessenes Verhalten vorgehen.

Und dann gibt es noch die Verantwortung von jedem und jeder von uns. Die Opfer sind oft von stillen Zeuginnen und Zeugen umgeben: Kolleginnen und Kollegen, die zwar etwas sehen, mitbekommen oder ahnen, aber nicht eingreifen, sei es aus Angst vor negativen Konsequenzen für sich selbst oder aufgrund jener Resignation, die normalisierte Phänomene umgibt. 

Wir verweisen laufend an die wesentliche Rolle der Arbeitskolleginnen und -kollegen für ein gesundes Umfeld. Es braucht konkrete Solidarität, gemeinsames Handeln und den Mut, diejenigen zu unterstützen, die sich in einer schwierigen Situation befinden. Schweigen schützt nicht, es stärkt nur diejenigen, die belästigen oder Gewalt ausüben.

Gewalt am Arbeitsplatz ist nicht nur ein Problem der einzelnen betroffenen Personen, sie ist das Spiegelbild einer Gesellschaft, die immer noch Stereotype, Diskriminierung und Ausgrenzung weiterträgt. Deshalb ist auch ein kultureller Ansatz notwendig: Weiterbildung, Verantwortungsübernahme, ein neues Bewusstsein und eine neue Ausdrucksweise.

Um dazu beizutragen, haben wir eine kleine Broschüre erstellt, die an den Arbeitsplätzen verteilt wird. Es handelt sich um ein einfaches, aber notwendiges Instrument, das Denkanstöße, Handlungsempfehlungen und Anlaufstellen liefert. Wir sind überzeugt, dass jeder Schritt in Richtung Bewusstseinsbildung auch ein Schritt zu mehr Respekt und Freiheit ist.

Anlässlich des Aktionstages gegen Gewalt an Frauen am 25. November lenken wir den Blick auf die Arbeitswelt, wo ein grundlegender Kampf ausgetragen wird. Dieser Kampf betrifft jede und jeden von uns: Würde ist nicht verhandelbar und kann nicht nur von einzelnen Frauen verteidigt werden. Es braucht eine Gemeinschaft, die erkennt, zuhört, eingreift und schützt.

Wir sind überzeugt, dass Veränderung möglich ist. Es kommt auf jede/n von uns an.

Donatella Califano

SGBCISL-Generalsekretärin 

Broschüre zum Tag gegen Gewalt an Frauen

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